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| Helmut
Hagemann: Vom Kassenzettel zum Stimmzettel Angesichts
der Regulierungsdefizite in Risikofeldern wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust
und innergesellschaftlicher und internationaler sozialer Polarisierung ist nach
neuen Lösungsansätzen gefragt. Ein solcher Ansatz ist die Einflussnahme von
Bürgerinnen und Bürgern – in ihrer Rolle als Verbraucher – auf
Unternehmen, denen Verantwortung für problematische Entwicklungen zugeschrieben
wird. Diese
Studie untersucht die Medien, die sanktionsbereiten Konsumenten Informationen über
die Verantwortung von Unternehmen als Orientierungshilfe für den Einkauf
anbieten. Im Brennpunkt stehen dabei sozial-ökologisch orientierte Einkaufsführer,
die vergleichende Unternehmensbewertungen mit dem Ziel anbieten, Verbrauchern
eine Informationsgrundlage für positive und negative Sanktionen zu geben, um
einen positiven Profilierungswettbewerb in Gang zu setzen. Dabei gilt das
besondere Interesse dem Übergang vom Printmedium zum Internetauftritt. Ziel der
Untersuchung ist eine Analyse fördernder und hemmender Faktoren für den
Erfolg, die für die Praxis nützlich sein soll. Eine
historische Herleitung zeigt, wie erst in jüngster Zeit die Chance entstanden
ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher Unternehmen im Massenmarkt
systematisch und kontinuierlich – weit über die Möglichkeiten von
Boykotts hinaus – sanktionieren können. Obwohl die begünstigenden Einflüsse
der sozialen Bewegungen von vor rund anderthalb Jahrzehnten gegenwärtig als
Promotor nicht mehr zur Verfügung stehen, hat sich der Typus des kritischen
Einkaufsführers institutionalisiert und tritt in mehreren großen Industrieländern
in Erscheinung. Während das Medium Buch dabei erkennbar an Grenzen stößt,
ergeben sich im Internet interessante Entwicklungen. Die
Bestandsaufnahme zeigt, dass ethisch orientierte Einkaufsführer ihr Publikum
großteils noch in einer gesellschaftlichen Nische (öko-soziale Pioniermilieus)
finden. Doch zwei Faktoren bereiten die Öffnung zum gesellschaftlichen
mainstream vor: ·
der
Einstieg der großen Warentest- und Verbraucherorganisationen und ·
die
revolutionären Möglichkeiten des Internets. Da
beide Faktoren erst seit kurzer Zeit wirken, ist die Entwicklung offen.
Weder lässt sich von einem schon vollzogenen Durchbruch in die
gesellschaftliche Mitte noch vom Scheitern eines vielleicht zu ambitiösen
Projektes reden. Der Beweis, den die Praktiker sich wünschen, dass die Bemühungen
sich wirklich lohnen, ist deshalb auch nicht zu erbringen – aber auch nicht
der Gegenbeweis. Eine Reihe von Indizien spricht dafür, dass kritische
Einkaufsführer in ihrer herkömmlichen wie in ihren neuen Formen zum Ziel
nachhaltiger Entwicklung Substanzielles beitragen können. Die
vielfältige Wirkung dieser Medien ist unbestreitbar. Die durchgeführten
Interviews und Dokumentenanalysen weisen empirisch nach, dass diese Einkaufsführer
bzw. Unternehmenstests von Verbraucherinnen und Verbrauchern gewünscht, gekauft
und genutzt werden und dass dieses Anliegen ein gesellschaftliches Echo findet.
Auch zeigt sich, dass Unternehmen bemüht sind, sich um ihres Markenimages
willen mit den sozial-ökologischen Bewertungen auseinander zu setzen und u.U.
sogar bereit sind, in einen Wettbewerb um ein ethischeres Profil einzutreten.
Dabei ist die Frage der unmittelbaren Unternehmensanpassung vielleicht sogar
weniger relevant, als es erscheinen mag, da die Konsumenten die schlecht
bewerteten Unternehmen nicht unbedingt „ändern“, sondern oft einfach nur
die Marke wechseln müssen. Denn viele Branchenuntersuchungen belegen, dass in
zahlreichen Produktgruppen als positiv einschätzbare Alternativen schon
vorhanden sind. Das Feedback von Verbrauchern zeigt, dass sie das Konzept des
Markenwechsels begreifen, dass aber noch die nötige Breitenwirkung fehlt, um
Marktanteile entscheidend zu verändern. Die
zentrale Frage der Studie ist, wie Unternehmenstest-Projekte die
Nachfrage nach ihren Angeboten verbessern und ihren Erfolg steigern können. Da
viele Menschen äußern, dass sie die Produkte verantwortungsvoll handelnder
Unternehmen präferieren würden, ist dies eine Grundlage, um gesellschaftlich
zu vermitteln, welche Rolle Unternehmensverantwortung für eine sozial und ökologisch
nachhaltige Entwicklung spielt und welcher Nutzen von ethisch
orientierten Kaufentscheidungen zu erwarten ist. Die Notwendigkeit,
professionelle Qualität sicherzustellen, erfordert eine solide
Finanzbasis. Obwohl der gesellschaftliche Nutzen von Informationen über
Unternehmensverantwortung weithin anerkannt ist, scheint die individuelle
Bereitschaft, für diese Transparenz zu zahlen, gering ausgeprägt zu sein, so
dass neben öffentlicher und privater Förderung auch (ähnlich wie im ethischen
Investment) Finanzierungen über Umsatzanteile ausprobiert werden. Angesichts
der brisanten wirtschaftlichen Potenz des neuen Instruments zeichnet es sich ab,
dass die Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit von
Unternehmensbewertungen künftig Überprüfungen ausgesetzt sein werden, die
insgesamt Einfluss auf die Akzeptanz dieses verbraucherpolitischen
Handlungsansatzes haben. Absehbar ist auch, dass die unterschiedliche Bewertung
von Unternehmen durch verschiedene Träger in die Diskussion kommt. Dies
verlangt nicht nur nach belastbaren Qualitätssicherungsverfahren, sondern
demonstriert auch die kulturelle Vielfalt gesellschaftlicher Milieus, die
sowohl mehrheitsfähige, zur Nachhaltigkeit affine Wertvorstellungen als auch
partikulare Gruppeninteressen kennen und dementsprechend Unternehmenshandeln
legitimerweise unterschiedlich bewerten. Erfolgsrelevant
ist zudem das Konzept der Kommunikation mit der angestammten Klientel
eines Projektträgers und mit den darüber hinaus gehenden Zielgruppen. Dabei
geht es darum, den Verbrauchern das Anliegen der Unternehmensverantwortung
bildhaft nahezubringen, Zugangs(kosten)schwellen zu eliminieren, die
Orientierung zwischen den Produktalternativen so leicht wie möglich zu machen
und gleichzeitig auf die Individualität der Nutzer einzugehen. Diese
Anforderungen erfüllen zu können, gehört – wie die Untersuchungsergebnisse
belegen - zum besonderen Leistungsvermögen des Internets: es beantwortet
Suchanfragen schnell, arbeitet mit prägnanten, intuitiv erfassbaren Signalen
und bietet die Möglichkeit der Interaktion, des Feedback und der Aktivierung
von Verbrauchern etwa in einer Web-Community. Und zudem bietet das Internet die
für Unternehmensvergleiche interessante Möglichkeit interaktiver, nach den
individuellen Wertsystemen der Benutzer maßgeschneiderter
Datenbankauswertungen, die Unternehmensbewertungen nach den jeweiligen persönlichen
Präferenzen erstellen. Schließlich können, wie die Praxis zeigt, Möglichkeiten
erschlossen werden, eine Unternehmens- bzw. Markenpräferenz unmittelbar online
in eine Kaufentscheidung umzusetzen. Die
Studie zeigt, dass sich die verschiedenen Projekte – auch infolge von trial
and error - in ihrer praktischen Umsetzung teilweise deutlich unterscheiden.
Zugleich zeigt sie, dass die bestehenden wie die beginnenden Projekte von
einander lernen können, dass sie aber für ihr jeweiliges Publikum ihren
eigenen Weg zum Erfolg finden müssen. Erfolg
wird dabei nicht nur als Verbesserung von Transparenz und Stärkung der
Verbrauchermacht verstanden, sondern als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung.
Angesichts des hohen, weithin anerkannten Stellenwertes dieses Zieles schließt
die Arbeit mit einer Skizze, wie eine Informationsplattform zu
konstruieren wäre, die Verbraucherinnen und Verbrauchern eine leichte
Orientierung in sozial und ökologisch prioritären Konsumbereichen gibt. |